Technologie · Analyse

Macht KI uns weniger originell? Warum deine perfekte Antwort auch die eines anderen sein könnte

The Strategic Newb Editorial Team

Aus dem Original übersetzt; Zahlen und Quellen wurden beibehalten. Original lesen →

Eine kreativ arbeitende Person beurteilt ähnliche Ideen eines KI-Assistenten.
KI-generierte Illustration zum Thema.

Du lässt ChatGPT ein Bewerbungsschreiben verfassen. Du fragst nach einem originellen Geschenk, einem Urlaubsziel oder einer guten Geschäftsidee. Innerhalb weniger Sekunden erhältst du eine Antwort, die überraschend gut klingt.

Aber wie viele andere bekommen ungefähr denselben Rat?

Diese unbequeme Frage steht hinter dem TED-Vortrag Is AI Turning Us All into the Same Person? der Sozialwissenschaftlerin Sandra Matz. Ihre Warnung: Wenn wir immer mehr Entscheidungen der KI überlassen, entdecken wir womöglich weniger und geben dem, was uns einzigartig macht, weniger Raum. TED-Vortrag

Die interessanteste Kehrseite der KI ist damit vielleicht etwas, das du kaum bemerkst. Dein Text wird besser. Deine Entscheidung fällt leichter. Deine Idee klingt professioneller.

Und doch verschwindet möglicherweise etwas: dein eigener, unerwarteter Blickwinkel.

Macht KI uns weniger kreativ?

KI kann individuelle kreative Leistungen verbessern, während die Ergebnisse verschiedener Menschen einander ähnlicher werden. Dieses Muster zeigte sich in einem Experiment mit Kurzgeschichten, veröffentlicht in Science Advances. Das beweist keine Veränderung deiner Persönlichkeit durch KI. Es deutet aber darauf hin, dass bessere Ergebnisse und mehr Originalität unterschiedliche Dinge sind. Studie in Science Advances

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Ein Text kann verständlicher werden, ohne einen überraschenderen Standpunkt zu enthalten. Eine Kampagne kann professionell wirken und sich dennoch so anfühlen, als hättest du sie gestern schon bei einer anderen Marke gesehen.

Stell dir zehn Unternehmer vor, die alle denselben Auftrag geben:

„Entwirf eine originelle Kampagne für mein Café.“

Sie können unterschiedliche Antworten erhalten. Wenn aber alle den ersten brauchbaren Vorschlag annehmen, besteht das Risiko, dass sich ihre Kampagnen um ähnliche Themen drehen: Gemütlichkeit, Handwerk, ein Morgenritual.

Das ist ein anschauliches Beispiel, kein Forschungsergebnis. Es zeigt jedoch das Spannungsfeld: Eine brauchbare Idee ist noch keine unverwechselbare Idee.

Was die Forschung zu KI und Kreativität tatsächlich zeigt

Die Forscher Anil Doshi und Oliver Hauser untersuchten, was passiert, wenn Menschen beim Schreiben von Kurzgeschichten Zugang zu Ideen generativer KI erhalten.

Die mit KI-Unterstützung geschriebenen Geschichten wurden im Durchschnitt als kreativer, besser geschrieben und unterhaltsamer bewertet. Besonders profitierten Teilnehmende, deren zuvor gemessene Kreativität geringer war. Zugleich ähnelten sich die KI-gestützten Geschichten inhaltlich stärker als die ohne diese Hilfe geschriebenen. Studie in Science Advances

KI verschaffte manchen Schreibenden also einen besseren Einstieg, lenkte sie aber auch zu ähnlichen Ideen.

Diese Aussage hat klare Grenzen. Die Studie befasste sich mit einer bestimmten Schreibaufgabe und nutzte GPT-4. Sie untersuchte keine langfristige Persönlichkeitsveränderung über Jahre und beweist nicht, dass jedes KI-Modell bei jeder kreativen Aufgabe denselben Effekt hat. Studie in Science Advances

Die praktische Frage bleibt dennoch relevant: Wenn alle Unterstützung von ähnlichen Systemen bekommen, woher kommen dann noch die Unterschiede?

Warum persönlicher Rat deine Welt trotzdem kleiner machen kann

Man könnte meinen, Personalisierung löse das Problem. Erkläre der KI, wer du bist, was du magst und wie du schreibst. Dann müsste doch etwas Einzigartiges entstehen.

Aber ein Rat, der zu dir passt, bringt dich nicht unbedingt weiter.

Wer immer dieselbe Art von Büchern liest, bekommt vielleicht erneut eines aus dieser Kategorie empfohlen. Wer ruhige Strandurlaube mag, wird womöglich wieder zu einem ähnlichen Reiseziel geführt. Das kann angenehm sein. Es lässt nur wenig Raum für ein Interesse, das du noch nicht kennst.

In ihrem TED-Vortrag richtet Matz den Blick genau auf diese Gefahr: Systeme können einschränken, was du siehst, ausprobierst und entdeckst, wenn du dich zunehmend von ihren Empfehlungen leiten lässt. Ihre Botschaft ist aber auch, dass KI Neugier fördern kann. TED-Vortrag

Der Unterschied liegt darin, was du erreichen möchtest.

„Finde etwas, das zu mir passt“ ist ein anderer Auftrag als: „Hilf mir, etwas außerhalb meiner üblichen Vorlieben zu entdecken.“

Die geschäftliche Kehrseite: Alle klingen professionell

Für Unternehmen und Kreative ergibt sich daraus eine interessante wirtschaftliche Frage.

Wenn viele Unternehmen mit KI schnell ansprechende Texte, Produktbeschreibungen und Kampagnen erstellen können, wie viel Unterscheidungskraft bietet professionelle Kommunikation dann noch?

Meine Interpretation: Ein gepflegter Auftritt wird leichter erreichbar. Unterschiede könnten deshalb stärker von dem abhängen, was du selbst einbringst: Erfahrung, Wissen über deine Kunden, ein eigenes Urteil und konkrete Beispiele.

Ein Immobilienmakler kann beispielsweise einen ordentlichen Text über ein „lebendiges Viertel“ schreiben lassen. Wer die Gegend kennt, kann aber sagen, welche Straße beim morgendlichen Schulverkehr verstopft ist und wo die Bewohner samstags Kaffee trinken.

Eine Finanzplattform kann eine allgemeine Erklärung zum Investieren veröffentlichen. Interessanter wird es, wenn sie eine echte Frage durcharbeitet, Berechnungen zeigt und Annahmen überprüfbar macht.

KI kann helfen, dieses Wissen verständlich darzustellen. Der Wert liegt dann in dem Material, das du hinzufügst.

Wer dieselben Werkzeuge wie alle anderen nutzt, hat umso mehr Grund, eigene Informationen einzubringen.

KI und Persönlichkeit: Werden wir tatsächlich alle gleich?

Diese Schlussfolgerung geht zu weit.

Forschung zu Ähnlichkeiten zwischen Texten oder Entscheidungen beweist nicht, dass Menschen ihre gesamte Identität verlieren. Auch die Columbia Business School beschreibt Matz’ Arbeit als Forschung zum Risiko, dass KI die Eigenständigkeit und Vielfalt menschlicher Entscheidungen verringert. Das ist eine engere Aussage als „KI macht alle gleich“. Columbia Business School

Im Alltag ist eine konkretere Frage hilfreicher:

Welche Teile meines Denkens lagere ich aus?

Einen Text korrigieren zu lassen ist etwas anderes, als sich einen Standpunkt vorgeben zu lassen. Ideen anzufragen ist etwas anderes, als automatisch die erste umzusetzen. Einen Vergleich erstellen zu lassen ist etwas anderes, als eine Entscheidung ohne weitere Abwägung zu übernehmen.

Du kannst KI häufig nutzen und trotzdem aktiv mitdenken. Dafür muss aber zwischen der Antwort und deiner Entscheidung Raum bleiben.

So nutzt du ChatGPT, ohne deine eigene Stimme zu verlieren

Die folgenden Vorgehensweisen sind praktische Vorschläge, keine nachgewiesene Garantie gegen einen Verlust an Originalität.

1. Schreibe zuerst deine eigene grobe Idee auf

Beginne mit ein paar Sätzen, bevor du die KI öffnest.

Was denkst du selbst? Welche Erfahrung passt dazu? Woran zweifelst du?

Dieses erste Material muss nicht schön sein. Es gibt der KI etwas Konkretes und hilft dir zu erkennen, wenn eine Überarbeitung deine Aussage verändert.

2. Bitte um unterschiedliche Richtungen

Zehn Varianten desselben Ansatzes bieten weniger Auswahl als drei grundlegend verschiedene Ansätze.

Versuche zum Beispiel:

Schlage drei Richtungen für diese Idee vor: eine praktische, eine ungewöhnliche und eine, die meine wichtigste Annahme hinterfragt. Erkläre, worin sie sich unterscheiden.

Beurteile anschließend selbst, welche Richtung brauchbar ist.

3. Lass die KI Lücken aufzeigen

Bitte um Kritik, bevor du um einen schöneren Text bittest.

Welche Behauptung ist unbelegt? Welches Beispiel ist zu allgemein? Wo wird eine Schlussfolgerung stärker formuliert, als die Informationen rechtfertigen?

So nutzt du das System, um deine Arbeit zu prüfen, statt sie lediglich zu glätten.

4. Ergänze konkrete Erfahrungen

Ersetze allgemeine Sätze durch Details, die für dein Thema relevant sind.

„Viele Kunden finden das schwierig“ sagt wenig aus. Eine echte Kundenfrage, eine überprüfte Berechnung oder eine nachvollziehbare Situation macht deutlich, was du meinst.

Nutze dafür ausschließlich Erfahrungen und Daten, die du tatsächlich hast. Erfundenes Persönliches macht einen Text nicht authentisch.

5. Suche bewusst außerhalb deiner Vorlieben

Nutze KI auch zum Entdecken:

Ich lese meistens über Technologie und Wirtschaft. Schlage drei Themen außerhalb dieser Bereiche vor, die meinen Blick auf Innovation erweitern könnten. Erkläre den Zusammenhang.

Das gibt dir einen Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen. Die Entdeckung entsteht erst, wenn du selbst liest, beobachtest, ausprobierst und urteilst.

Was bedeutet das für Blogs, Marketing und soziale Medien?

Für Content-Ersteller liegt die Versuchung auf der Hand: schneller vom Thema zur Veröffentlichung.

Eine hilfreiche redaktionelle Prüfung besteht aber darin, vor der Veröffentlichung zu fragen:

Gerade die letzte Frage trifft einen wunden Punkt. Wenn nur der Firmenname ausgetauscht werden muss, fehlt dem Text vermutlich noch etwas Eigenes.

Das bedeutet nicht, dass jeder Satz spektakulär sein muss. Eine verständliche Erklärung kann großen Wert haben. Klarheit gewinnt aber an Bedeutung, wenn Wissen, Belege oder eine durchdachte Entscheidung dahinterstehen.

Häufige Fragen zu KI und Kreativität

Macht ChatGPT dich weniger originell?

Bei bestimmten Aufgaben kann das passieren, es ist aber keine zwangsläufige Folge der Nutzung. In einem Experiment wurden KI-gestützte Geschichten besser bewertet, wiesen aber zugleich mehr Ähnlichkeiten untereinander auf. Studie in Science Advances

Kann KI deine Kreativität verbessern?

Ja, KI kann Ideen liefern und beim Ausarbeiten eines Textes helfen. In der genannten Studie profitierten besonders Teilnehmende mit geringerer zuvor gemessener Kreativität. Das Ergebnis hängt unter anderem von der Aufgabe und davon ab, wie du die Vorschläge nutzt. Studie in Science Advances

Verändert KI deine Persönlichkeit?

Die hier besprochenen Quellen beweisen keine allgemeine, dauerhafte Persönlichkeitsveränderung. Sie geben Anlass, den Einfluss von KI auf Entscheidungen und kreative Ergebnisse kritisch zu betrachten.

Wie bewahrst du deinen eigenen Schreibstil?

Beginne mit eigenem Material, liefere konkrete Beispiele und prüfe jede Überarbeitung auf Bedeutung und Ton. Übernimm eine Formulierung, weil sie deinen Gedanken gut ausdrückt, nicht bloß, weil sie professionell klingt.

Die beste Antwort muss nicht deine sein

KI kann dir helfen, etwas zu schaffen, das du ohne Unterstützung nicht begonnen hättest. Das ist wertvoll.

Eine überzeugende Antwort kann aber auch zu einem vorschnellen Endpunkt werden. Du suchst nicht weiter, weil es schon gut genug klingt. Du verwirfst einen ungewöhnlichen Blickwinkel, weil sich die glatte Version leichter liest.

Deshalb verdient gerade der erste, unbequeme Gedanke manchmal etwas mehr Zeit.

Bitte KI um Hilfe. Vergleiche die Antwort anschließend mit deiner eigenen Erfahrung, deinem Wissen und deinem Urteil.

Ein Text kann durch KI besser werden. Was ihn lesenswert macht, kann weiterhin von dir kommen.

Quellen

  1. Sandra Matz — Is AI turning us all into the same person? — TED
  2. Doshi & Hauser — Generative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content — Science Advances, 12. Juli 2024 — DOI: 10.1126/sciadv.adn5290.
  3. AI Is Turning You Basic — Columbia Business School, 26. September 2025

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